Stammwürzeoptimierung oder High-Gravity-Brewing?
Präzise Qualitätsparameter im Fertigbier durch Ausmischanlagen
Seit Jahrzehnten ist High-Gravity-Brewing (HGB) außerhalb Deutschlands
eine weit verbreitete Methode, um Kapazitäten zu erhöhen. In Deutschland ließ
das Reinheitsgebot dies nicht zu. Jedoch spätestens zum Ende der neunziger
Jahre dachten auch mehr und mehr deutsche Brauer über diese Technologie nach.
Primärer Anlass war nicht eine Kapazitätserhöhung, sondern die veränderte
Biersteuer-Staffelung.
Die Biersteuerklassen werden seit der veränderten Biersteuer-Staffelung
nur nach der Vorkommazahl festgesetzt, was z.B. bedeutet, dass ein Bier mit
10,95° Plato genauso in die 10er-Klasse fällt, wie ein Bier mit z.B. 10,15°
Plato. Somit war es enorm wichtig geworden, ein als P 11 deklariertes Bier mit
z.B. 11,80° Plato eingebrautem Bier niemals mit 12,00° Plato in den Handel zu
bringen. Dies konnte jedoch ohne eine Ausmischung und finale Kontrolle kaum ein
Brauer sicherstellen.
Der Brauprozess birgt nach wie vor natürliche Unwägbarkeiten in sich, die
eine derartige Genauigkeit in der Flasche oder im KEG nicht immer zulassen. So
wurden mehr und mehr Biere mit etwa 12,20° Plato eingebraut und nach dem Filter
auf exakt die deklarierte Stammwürze „rückverdünnt“. Heute sind hierzulande
typische Verdünnungsgrade von 1,5 bis 3,0° Plato anzutreffen. Das ist weit von
den in Asien oder auf dem amerikanischen Kontinent praktizierten
Rückverdünnungen entfernt. Wasserdosagen von 40 bis 50 Prozent sind dort keine
Seltenheit.
Neben der Sicherheit, ein perfekt in Stammwürze und CO2-Gehalt
produziertes Bier in den Verkauf zu bringen, gab es plötzlich einen
Nebeneffekt: entgastes Wasser wurde zu Bier, die Kosten sanken.
Wurde Mitte der Neunziger Jahre schamhaft der Begriff
„Stammwürzeoptimierung“ von einem verdienten, ehemaligen Mitarbeiter der Firma
Diessel geprägt und in Deutschland populär gemacht, so spricht der deutsche
Brauer nunmehr zumindest vom „Blending“. Hochgenaue Ausmischanlagen der Firma
GEA Diessel gewährleisten präzise Qualitätsparameter im Fertigbier und, wenn
gewünscht, auch die Herstellung von Biermischgetränken.
Technische Bestandteile einer Ausmischanlage für Bier
Um den Eintrag von O2 in das Bier im höchstmöglichen Maße zu verhindern,
wird üblicherweise entgastes Brauwasser für die Dosage verwendet. Mögliche
Sauerstoffgehalte von 8 bis 10 mg/l werden mit Entgasungsanlagen auf ein
Minimum reduziert. Restsauerstoffgehalte von weniger als 0,05 mg/l sind ohne
Weiteres erreichbar. Dazu stehen mehrere praxistaugliche Verfahren zur
Verfügung und Auswahl:
– Vakuumentgasung
– Stripping-System
– Membranentgasung
Auf die beiden ersten Prinzipien soll näher eingegangen werden. Diese sind
bei Weitem die am meisten verbreiteten Anlagentechniken.
Das zu entgasende Wasser wird mit einem Druck von ca. 3,5 bar im unteren
Behälter über eine spezielle Düsenplatte zu einem Aerosol versprüht. Dadurch
wird zum einen die Oberfläche enorm vergrößert, zum anderen durch den niedrigen
Druck im Behälter der Partialdruck zwischen Flüssigkeit und dem Gas (O2)
verschoben. Das in der ersten Entgasungsstufe sich „niederschlagende“ Wasser
wird mittels einer Pumpe in den oberen, zweiten Behälter gepumpt. Unter Zugabe
von CO2 wird es dort ebenfalls über Düsenplatten erneut versprüht.
Das gesamte System ist miteinander verbunden, eine trockenlaufende
Vakuumpumpe sorgt für einen niedrigen Druck von ca. 80 mbar in der Anlage. Die
Vakuumpumpe „entsorgt“ gleichzeitig das O2/CO2-Gemisch. Das entgaste Wasser
wird mit einem Restsauerstoffgehalt von < 0,05 mg/l, meist gekühlt, einem
Puffertank zugeführt. Aus diesem wird es der eigentlichen Mischanlage
zugeführt.
Auf Wunsch kann die Anlage so konzipiert werden, dass eine Wasserentgasung
auch direkt einer HGB-Mischanlage zugeordnet wird. Der Puffertank mitsamt allen
weiteren, gern „vergessenen“ Kosten wie Platzbedarf, Sensorik, CIP kann dann
entfallen.
Herzstück einer solchen Entgasungsanlage ist die Stripping-Kolonne. Zwei
Verfahren sind üblich:
1. Kaltentgasung: Das eintretende Wasser wird mit seiner ursprünglichen
Temperatur entgast.
2. Heißentgasung: Das Wasser wird auf ca. 72 bis 74°C erwärmt und so dem
Entgasungsprozess zugeführt. Dabei werden niedrigere Restsauerstoffgehalte
sowie eine Pasteurisation des entgasten Wassers erreicht.
Heißwasserentgasungsanlage
Typ VARIDOX-H™
Ausführung als Doppelkolonne
Am Kopf dieser Anlage wird das einströmende Wasser gleichmäßig über den
gesamten Querschnitt verteilt. Durch pure Gravitation läuft das Wasser in einem
sehr dünnen Film über spezielle Rieselkörper aus Edelstahl in den unteren Teil
der Kolonne. Im Gegenstrom wird CO2 eingeblasen.
Mittels dieses einfachen Prinzips wird der Sauerstoff ebenfalls durch die
Verschiebung des Partialdruckes dem Wasser entzogen. Wieder ist eine Kühlung
des Wassers optional möglich, bei der Heißentgasung ist diese zwingend
notwendig. Eine Energierückgewinnung von mindestens 92 Prozent wird dabei
gewährleistet. Der Restsauerstoffgehalt bei diesem physikalischen Verfahren
beträgt weniger als 0,03 mg O2/l. Bei der Heißentgasung können Werte von 0,01
mg O2/l erzielt werden.
Kriterien für die Wahl des Verfahrens
Welches physikalische Prinzip zum Einsatz kommt, hängt in erster Linie von
dem vom Kunden geforderten Restsauerstoffgehalt ab. Aber auch die örtlichen
Verhältnisse, besonders die Raumhöhe am vorgesehenen Aufstellungsort spielen
eine Rolle. So benötigt eine Vakuumentgasung DIOX-2T™ eine Raumhöhe von max. 4
m; eine Stripping-Anlage VARIDOX™ immerhin 7 m.
Ebenfalls müssen die Betriebskosten sehr genau berechnet werden,
unterschiedliche Preise für Elektroenergie sowie für CO2 können den Ausschlag
für eines der beiden physikalischen Prinzipien geben.
Beim Stripping-Verfahren erfolgt außerdem eine leichte Vorkarbonisierung
des Brauwassers, was für die Verwendung im Brauprozess unerheblich ist, aber
bei der Produktion von Säften oder Mineralwasser beachtet werden muss.
Das Herzstück einer Stammwürzeoptimierung oder HGB-Anlage ist der
sogenannte Blender. In diesem wird das aus dem Filterauslauf eintretende
„Kernbier“, oder auch „Mutterbier“ genannt, mit dem entgasten Wasser
verschnitten. Dies geschieht nicht nur auf dem volumetrischen Wege, sondern
ebenfalls durch die Kontrolle aller relevanten Parameter durch die am Ausgang
der Anlage eingebaute Analysetechnik. Primär sind dies:
– die Stammwürze in ° Plato oder ° Balling mittels
DI-Check™
– der Alkoholgehalt (rechnerisch) mittels DI-Check™
– sowie die Dichte (optional) mittels geeigneten Biegeschwingers des
fertig ausgemischten Bieres.
Ausmischanlage DIMIX-B™/DICAR-B™
Anhand der Sortenauswahl wird in der Steuerung das Rezept geladen. Alle
relevanten Bierparameter der jeweiligen Biersorte werden ständig auf ihre
Übereinstimmung mit den Sollwerten überprüft. Bei eventuellen Abweichungen von
den Sollwerten wird durch eine sehr schnelle Digitalregelung die Wasser- oder
CO2-Dosage korrigiert.
Regelabweichungen werden in kürzester Zeit ausgeglichen. Die volumetrische
Messung von Bier- und Wasserdurchfluss mittels magnetisch-induktiver Messgeräte
Typ
IZM™ zu jedem Zeitpunkt der
Produktion ermöglicht eine „Hintergrundkontrolle“ durch die Ballingformel über
die Stammwürzeanalyse.
Besonders beim Anfahren der Anlage oder beim Sortenwechsel wird durch die
volumetrische Messung und Kontrolle ein Aufschwingen der Regelung vermieden.
Von den ersten Hektolitern an ist das Bier innerhalb der geforderten
Genauigkeit von:
+/– 0,05 °Pl
+/– 0,08 % Alk. vol.
+/– 0,1 g CO2/l
ausgemischt.
Unsinnige Messwerte, eventuell durch den Ausfall eines
Stammwürzemessgerätes, würden sofort erkannt und der Bediener alarmiert. Die
Weiterführung der Produktion ist durch den Einsatz von Durchflussmessern in
jedem Fall gegeben, denn mengenproportionales Mischen ist nach wie vor
möglich.
Nach dem Dosieren des entgasten Wassers wird mittels einer
Druckerhöhungspumpe zum einen eine perfekte Durchmischung erreicht. Zum anderen
wird für eine gute Karbonisierung ein Flüssigkeitsdruck – abhängig von der
Temperatur des ausgemischten Bieres – von mindestens 3,5 bar benötigt. Nur dann
ist sichergestellt, dass das gesamte dosierte CO2 tatsächlich in Lösung
geht.
Ungelöste Gasblasen würden nicht nur einen finanziellen Verlust bedeuten,
auch beeinträchtigen Gasblasen in einer Flüssigkeit jedwede Messung von
Volumina und Analyse. Eine hochgenaue Ausmischung innerhalb der geforderten
Grenzwerte wäre dadurch unmöglich.
Zusammenfassung
Ausmischanlagen für die Stammwürzeoptimierung sind auch seit einigen
Jahren in deutschen Brauereien anzutreffen. Schwankende Bierkonzentrationen aus
den Lagertanks, hervorgerufen durch unterschiedliche Rohstoffqualitäten,
Vergärungsgrade und CO2-Gehalte, werden hochgenau kompensiert und ausgeglichen.
Das Fertigbier erfüllt stets die
gleichen hohen Qualitätsanforderungen. Auf dem immer härter umkämpften
Biermarkt ist das von eminenter Wichtigkeit für jede einzelne Brauerei.
Eventuelle Probleme mit dem Zollamt bei der Biersteuerermittlung werden
auch praktisch ausgeschlossen, und eine Kosteneinsparung bei der Herstellung
der unterschiedlichen Biere, abhängig vom Grad der Rückverdünnung, soll
ebenfalls nicht unerwähnt bleiben – genauso wie das Einhalten des
Reinheitsgebotes.
Der Autor:
Hendrik Matthes, Vertriebsingenieur der GEA Diessel GmbH, Hildesheim
Veröffentlicht in: BRAUINDUSTRIE April 2009
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